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Zeitgeist versus Klassik

Gerrit Terstiege im Interview

Kimberly Lloyd
05.10.09

Lloyd: Seit 1999 sind Sie als Redakteur für eines der größten deutschen Designmagazine tätig. Was hat sich in dieser Zeit im Design maßgeblich verändert? Und was nicht, obwohl es dazu an der Zeit wäre?

 

Terstiege: Die für meinen Beruf wichtigste Veränderung betrifft ganz klar das Internet. Besonders eine Seite wie YouTube, auf der mittlerweile zahlreiche Interviews, Vorträge und Filme namhafter Designer und Designtheoretiker zu finden sind, ist für mich eine wichtige Quelle der Inspiration und Information. Man muss dort bloß mal Suchworte wie „Sagmeister“, „Steven Heller“, „Paul Rand“, „Flusser“, „Buckminster Fuller“ oder „Bazon Brock“ eingeben, um sich von der Fülle und Bandbreite der Design-relevanten Mitschnitte zu überzeugen. Auch eine Seite wie flickr hilft mir bei der redaktionellen Arbeit: Nach Messen und Konferenzen lohnt es sehr, noch mal auf flickr zu schauen, was man alles verpasst hat. Seit zwei Jahren habe ich dort auch meinen eigenen Design-Fotostream.  Was sich nicht verändert hat: Noch immer sind viele Designer unsicher, wie sie ihre eigene Pressearbeit gestalten sollen. Mich erreichen nach wie vor zahlreiche Pressemappen und Mails, die nicht dem Niveau der kreativen Arbeiten entsprechen.

 

Lloyd: Liegt das an Unsicherheiten und Betriebsblindheit? Ich vermute eher, dass Designer sich ungern „verkaufen“ wollen und Marketing als ein Schimpfwort betrachten. Wie sehen Sie das?

 

Terstiege: Eine Gestaltungsaufgabe zu lösen ist nun mal eine völlig andere Sache, als das Ergebnis eines Designprojekts textlich aufzubereiten. Hier ein paar Tipps zu dem Thema.

 

Lloyd: Ist unser Leben „über-designt“? Sind die visuellen Oberflächen von Menschen, wie Produkten zu wichtig geworden?

 

Terstiege: Ein Blick in die Geschichte lehrt: Oberflächen waren zu allen Zeiten wichtig. Man denke nur an die lange Tradition von Make-up, Bartmoden, Tätowierungen. Und natürlich wurden auch die Oberflächen von Gegenstände immer schon veredelt, verhüllt, poliert und dekoriert. Man kann eigentlich gar nicht von einem Zuviel an Gestaltung sprechen: Die monochrom schwarze oder silberne Fläche einer HiFi-Anlage ist genauso „viel“ oder „wenig“ Design wie ein Objekt von Tord Boontje.

 

Lloyd: In der visuellen Gestaltung werden immer wieder Anleihen aus vergangenen Epochen verarbeitet - wer hat in den letzten Jahren eine neue, ganz eigene Formsprache im Grafikdesign präsentiert und diese auch konsequent erweitert?

 

Terstiege: Gestalterinnen, Gestalter und Grafik-Studios wie Elene Usdin, Philippe Jarrigeon, Mario Lombardo, Eike König, Damien Polain, Pleaseletmedesign, Pixelgarten, Kong, Byggstudio und andere, die dreidimensionale Szenarien entwerfen, bauen und in Plakate, Filme und Webseiten verwandeln, haben für mich derzeit die größte visuelle Kraft. Das Buch, das ich kürzlich zusammen mit Pixelgarten zu dem Thema gemacht habe, gibt einen guten Überblick. Mehr dazu unter three-d.ch

 

Lloyd: Welches Designprodukt der letzten fünf Jahre hat das Zeug zum Klassiker? Ist dies ein Kriterium für Sie, dass gutes Design zeitlos sein muss?

 

Terstiege: Der Myto Chair von Konstantin Grcic wird sicher ein Klassiker werden. Aber der Begriff der „Zeitlosigkeit“ ist in einem ernsthaften Designdiskurs unbrauchbar. Gutes Design spiegelt immer die Zeit, in der es entsteht.

 

Lloyd: Welche Magazine lesen Sie persönlich gern und regelmäßig? Welche Magazine betrachten Sie als Ihre Konkurrenz?

Terstiege: Wir bekommen eine Vielzahl von internationalen Magazinen im Rahmen von Tausch-Abos in die Redaktion geschickt. Ich schätze sehr die „art“, „brand eins“, „I.D.“, „domus“ und die spanische Designzeitschrift „Experimenta“. Sie alle sind in gewisser Weise Konkurrenz, was ja nicht schlecht ist!

 

Lloyd: Die Buchhändler haben alle große Angst vor der Digitalisierung. Was könnte man an dem Medium Buch noch vornehmen, so dass der Leser sich doch das Gedruckte erwirbt und nicht nur auf ein eBook setzt?

 

Terstiege: Im Design kommt es doch sehr auf die Abbildungsqualität und -größe an. Da können e-books nicht mithalten. Viele Inhalte bekommt man problemlos und meist kostenfrei aus dem Netz. Nur hat man es oft mit unredigierten Texten ohne Quellenangaben zu tun, deren Fakten niemand geprüft hat. Daher bin ich auch bei vielen Designblogs skeptisch. Natürlich gibt es auch hier sehr gute, nur sind sie die Ausnahme.

 

Lloyd: Gibt es in der Magazinlandschaft unentdeckte Schätze, die internationale Aufmerksamkeit verdient hätten?

 

Terstiege: Es gibt schier unendlich viele kleine Magazine, die mehr Leser verdient hätten. Ein Besuch bei „Do you read me?!“ in der Berliner Auguststrasse führt dies sehr anschaulich vor Augen. Der Laden, den mein ehemaliger Kommilitone Mark Kiessling betreibt, hat sich auf internationale Kulturmagazine spezialisiert:

 

Lloyd: Sie haben bereits an einigen Hochschulen gelehrt: Was ist das Wichtigste, das Sie Ihren Studenten mitgeben möchten?

 

Terstiege: Wikipedia sollte bei der Vorbereitung von Seminararbeiten nicht das einzige Recherche-Instrument bleiben! Bei Referaten: Weniger Bilder an die Wand werfen! 30 bis 40 visuelle Beispiele sollten genügen. Oft erlebt man bei Design-Referaten einen Bildersturm, weil der Download und die Digitalfotografie das Präsentieren von Bildbeispielen so vereinfacht haben. Wenn man als Dozent einen Referenten oder eine Referentin unterbricht und eine Frage zu einem einzelnen Motiv stellt, fällt die Antwort meist sehr kurz aus. Wir können viel aus der Designgeschichte für die gestalterische Gegenwart und Zukunft lernen. Vom Ford Edsel über die Buchgestaltung des Ulysses von Willy Fleckhaus, bis zum iPhone, das schon längst Teil der Designgeschichte ist –auch und gerade weil manche Exemplare einfach explodieren!

 

 

Gerrit Terstiege fotografiert von Marc Eckhardt.

Illustration: Veronika Salzseiler / Lloyd & Associates



 
Steckbrief: Gerrit Terstiege
 
Zur Person
 
 

Gerrit Terstiege, 41, ist seit 1999 Redakteur, seit 2006 Chefredakteur der Design-Zeitschrift form und hat an über 70 Ausgaben des Magazins mitgewirkt. Seit 1998 ist er auch in der Lehre tätig. Terstiege war Dozent an den Design-Hochschulen in Karlsruhe, Zürich und Basel sowie Vertretungsprofessor für Design- und Mediengeschichte an der Fachhochschule Mainz. Er ist Mitglied in internationalen Design-Jurys und Autor zahlreicher Buchbeiträge über Design und Alltagskultur sowie Herausgeber der Bücher „Drei D – Grafische Räume“ (2008) und „The Making of Design“ (2009), die im Birkhäuser Verlag erschienen sind. Zur Zeit arbeitet er an einer Monografie über den Grafiker Heinz Edelmann. Terstiege studierte Kunstgeschichte, Philosophie und Germanistik an den Universitäten in Bochum und Berlin (FU) sowie Design in Köln (KISD).


ARCHIV: INTERVIEW (09)

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