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Grafikdesign? Kein leichter Job!

Fegefeuer der Eitelkeiten im Grafikgewerbe

Kimberly Lloyd
13.07.09

Lloyd: Wodurch zeichnet sich ein guter Chefredakteur aus? Wodurch ein guter Grafikdesigner?

 

Schulz: Die Frage nach dem Chefredakteur hängt sicherlich vom jeweiligen Medium ab. Ich glaube, bei uns ist es wichtig, die eigene Persönlichkeit wohl dosiert in die novum einzubringen: Natürlich bringt man immer seine eigenen Anschauungen und den eigenen Anspruch mit ins Heft, allerdings sollte man sich so weit zurücknehmen, so dass die Vielfalt, die novum auszeichnet, gewährleistet bleibt. Oberste Devise für mich ist Teamwork – ein Heft lebt nun einmal von verschiedenen Ansichten, Meinungen und ästhetischem Empfinden, da sollte man auch als „Leithammel“ nicht zu eitel sein. Außerdem ist es für mich wichtig, ständig in Kontakt mit unserer Zielgruppe zu sein, Veranstaltungen zu besuchen etc. Aus dem Elfenbeinturm heraus lässt sich kein lebendiges und relevantes Magazin gestalten. Ein guter Grafikdesigner meistert für mich die Gratwanderung zwischen Handwerk, Dienstleistung, Visionen und visueller Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Kein leichter Job…

 

Lloyd: Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, ob Sie über ein Produkt oder einen Designer berichten? Inwieweit hat Ihr persönlicher Geschmack einen Einfluss auf die Inhalte des Heftes?

 

Schulz: In erster Linie zählt die handwerkliche Qualität – es müssen also nicht immer „hippe“ Arbeiten sein, um in die novum zu kommen. Wir möchten ja beides zeigen: Trends/Neues und den Status Quo. Manchmal fasziniert ein vollkommen neuer Stil, eine außergewöhnliche Technik, eine originäre Idee oder eben einfach sauber umgesetztes Grafikdesign im besten Sinne des Wortes. Ich versuche hierbei größtmögliche Objektivität walten zu lassen; daher sind die Vorschläge aus dem Team, aber auch unserer externen Autoren und Korrespondenten sehr wichtig. Nach fünfzehn Jahren novum habe ich aber sicherlich ein Gespür dafür entwickelt, zu erkennen, ob Dinge, die mir persönlich nicht gefallen, andere durchaus interessieren könnte. Im Zweifel berät man sich in unserem kleinen Team (wir sind ja nur zu dritt) und da lasse ich mich auch gerne überzeugen. Ein reines „Schulz“-Heft wäre garantiert zu einseitig – diesbezüglich bin ich absolut uneitel.

 

Lloyd: Der britische NME ist bekannt dafür Bands so zu hypen, dass zumindest auf der Insel ihr Erfolg garantiert ist. Hat Novum im Grafikbereich einen ähnlichen Einfluss darauf, was ein Trend wird und was nicht?

 

Schulz: Ich bin mir nicht sicher, ob wir diesen Anspruch generell noch erheben dürfen. Vor vierzig, fünfzig Jahren war das sicherlich noch so – aber da hatte man ja nicht diese Vielzahl an Medien, die einem heute zur Verfügung stehen. Inspirationsquelle sind wir aber sicherlich nach wie vor und wir tragen bestimmt auch ein Stück dazu bei, gestalterische „Wellenbewegungen“ zu verbreiten. Und eigentlich ist es auch nicht unser Ziel „Trends“ zu setzen – wir verstehen uns als internationale Bühne des Grafikdesigns in all seiner Vielseitigkeit.

 

Lloyd: Was ist überhaupt der neue Trend im Grafikdesign?

 

Schulz: Eine häufig gestellte Frage, die gar nicht so einfach zu beantworten ist. Junge Designer haben es inzwischen nicht gerade leicht, denn es gab ja schlichtweg schon alles. novum feiert in diesem Jahr seinen 85. Geburtstag und wenn man durch die Archive blättert, begegnen einem immer wieder gestalterische Wiederholungen. Es kann modifiziert und kombiniert oder an neue Techniken und Medien angepasst werden, aber etwas Nie-Dagewesenes wird man eher selten (wenn überhaupt!) kreieren. Zudem ist die Zeit für Trends fast schon zu schnelllebig, so komisch es klingen mag. Natürlich gibt es für ein Jahr mal eher Arbeiten in Collagetechniken oder ein halbes Jahr Totenschädel… aber ist das wirklich ein Trend, eine gestalterische Epoche? Was man aber verstärkt feststellt, ist die Sehnsucht nach „begreifbarem“, sinnlichen Design, ungewöhnlichen Materialien, schönen Papieren, reizvollen Veredelungen. Nach all den Jahren des Online-Hypes, der digitalisierten Welt, ist das wohl eine Art Gegenbewegung. Wäre schön, wenn sich diesbezüglich eine Balance einstellen würde.

 

Lloyd: Sie bezeichneten sich in einem Interview als „Magazinjunkie“. Welche Magazine verschlingen Sie und warum? Lesen Sie diese tatsächlich, oder blättern Sie eher professionell, zum Zweck der Konkurrenzbeobachtung durch?

 

Schulz: Ich lese eigentlich alles, was mir so in die Finger kommt (oftmals natürlich nur „quer“) – das ist eher Entspannung als Berufskrankheit. Magazine sind einfach spannend, sie haben ein Eigenleben, eine Seele. Ob Mare oder Stern, ob Frauenzeitschrift oder Prinz, ob Designmagazin oder Wohnkatalog … es ist einfach schön, zu blättern und hier und da hängen zubleiben. Wahrscheinlich lese ich zwar schon mit „anderen Augen“, sehe eher Trennfehler und „Blitzer“, aber im Großen und Ganzen ist „Print“ einfach eine Leidenschaft von mir.

 

Lloyd: Magazine oder Bücher?

 

Schulz: Beides!

 

Lloyd: Was ist das Anziehende an Magazinen? Was der Reiz an Büchern?

 

Schulz: Magazine gleichen einem bunten Buffet, was sehr spannend ist, da es verschiedene Geschmacksnerven anspricht und man selbst eine Selektion treffen kann. Bücher sind wie ein gesetztes Menü – ein wenig feierlicher und bestenfalls mit einer Steigerung vom Amuse-Gueule bis zum Hauptgang und einem schönem Ausklang in Form eines Desserts.

 

Lloyd: Gibt es noch einen Bedarf an Magazinkultur? Beschreiben Sie uns doch bitte Ihr Traum-Magazin!

 

Schulz: Na, aber sicher! Und mein Traum-Magazin ist und bleibt natürlich die novum…

 

Lloyd: Ich werde Sie zu einem späteren Zeitpunkt noch mals befragen... vielleicht gibt es dann andere Präferenzen.

 

Bettina Schulz fotografiert von Frank Widemann.



 
Steckbrief: Bettina Schulz
 
Zur Person
 
 

Dies und Das mit Bettina Schulz

 

Was ist…Ihr Beruf?

Journalistin

 

das Beste an Ihrer Arbeit?

Ich bin stets gefordert, mich auf Neues einzulassen (ob inhaltlich oder technisch) – es wird also sicherlich niemals langweilig.Zudem gibt es nichts spannenderes, als die Entwicklung des Designs (auch als Spiegelbild unserer Gesellschaft) über Jahre hinweg zu verfolgen. Und last but not least, macht es einfach Spaß, ein Magazin gegen jeden Trend hochwertig gestalten zu dürfen. Mit und für Kreative arbeiten zu können – etwas Schöneres gibt es gar nicht.

 

das Nervigste an Ihrer Arbeit?

Vielleicht eher eine Auswirkung: Man kann nichts mehr wirklich unbefangen betrachten ohne sich dabei am jeweiligen Design aufzuhängen. Das beginnt beim Kauf einer Flasche Wein, bei der das Etikett begutachtet wird und hört beim Zeitungslesen auf, wenn einem ein Schusterjunge begegnet…

 

Ihre liebste Beschäftigung?Lesen, kochen, reisen, schreiben, ausschlafen, träumen, das Leben genießen…

 

Kunst oder Design?

Design

 

2D oder 3D?

2D

 

72 ppi oder 300 dpi?

300 dpi

 

Ich…

liebe…

meinen Mann, meine Familie, mein Leben.

 

Hasse…

Was für ein Wort! Über Ungerechtigkeit in jeglicher Form kann ich mich ziemlich aufregen … und morgens über meinen Wecker!

 

glaube an…

das Schicksal

 

bewundere…

Jeden, der den Mut hat, auch persönliche Nachteile in Kauf zu nehmen, um einer guten Sache zu dienen.

 

danke…

meiner Familie und (bislang) meinem Schicksal.

 

Ich bin…

interessiert an…

Kultur, Lifestyle, Politik – an der kompletten und vielseitigen Palette des Lebens eigentlich …

 

beeinflusst von…

der festen Überzeugung, daß es das Leben im Großen und Ganzen gut mit mir meint …

 

Ich möchte…

niemals Einheitsbrei und immer wieder mal was neues.

 

…essen.

… so einiges verbieten.

 

… mir manchmal selbst gerne in den Hintern treten.

 

… ??? mein ganzes Geld vermachen. (Ich hoffe, ich habe es vor dem Ableben ausgegeben und ansonsten ist die gesetzliche Regelung ganz in Ordnung für mich)


ARCHIV: INTERVIEW (09)

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