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Die Alltäglichkeit der Pornografie

Was ist an der Fotografie primärer Geschlechtsorgane heikel? Alles Definitionssache, laut Medienanwalt Jens O. Brelle.

Das Interview führte Felix Schwenzel
24.03.09

Pornografie unterliegt strenger gesetzlicher Regelung, dennoch begegnet sie uns alltäglich. Im Fernsehen kann man ehemalige Pornodarsteller beim Versuch beobachten „seriöse“, jugendfreie Schauspieler zu werden. Die Werbung bedient sich zunehmend der Porno-Ästhetik, die Fotografie wird direkter, „schmuddeliger“ oder „schlüpfriger“. Fotografen wie Terry Richardson oder Tony Ward haben den Models zwar die Angst vorm Pickel am Hintern genommen indem sie Pickel ästhetisierten, aber auch Tür und Tor für die Ästhetische Pornografisierung der Modefotografie geöffnet. Das Modelabel Sisley stellte Terry Richardson als Hausfotografen ein und wirbt nun in Fußgängerzonen mit verschwitzten und verrutschten Höschen oder schlüpfrigen Grossaufnahmen von allerlei Körperflüssigkeiten auf Sisley-Stoffen. Mode- und Lifestylemagazine stellen auf Covern und Fotostrecken assoziative Nähe zur Pornografie her. Allerdings kann der Versuch mit Porno-inspirierter Fotografie für Überraschungsschocks beim Konsumenten zu sorgen auch in die Hose gehen. Das „Herren Magazin“ GQ druckte Arbeiten des Künstlers Thomas Ruff für die er Pornobildchen aus dem Internet künstlich verfremdete. Der Presse-Grosso Anwalt Dr. Auer fand Ruffs Fotostrecke zu freizügig und ließ Deutschlands Grossisten die angeblich heiklen Stellen "mit Filzschreibern und Aufklebern" schwärzen.

 

Die ehemalige Pornodarstellerin Michaela Schaffrath las vor einigen Monaten in der „Harald Schmidt Show“ aus ihrem „Hörbuch“ vor. Darin beschrieb Sie recht explizit die erste Begegnung mit dem Penis Rocco Seffredis und was sie damit gemacht hat. Reiner Porno auf Sat1 - und das vor 24 Uhr. Beschränkt sich unsere heutiges Verständnis von Pornographie auf visuelle Darstellungen oder sind in letzter Zeit auch Texte wegen „Pornographischem“ Inhalt beanstandet worden?

 

Brelle: Die Regelung in § 184 StGB ist klar: Die Verbreitung von pornografischen Schriften ist verboten. Das gleiche gilt für Ton- und Bildaufnahmen. Das „Problem“ ist heutzutage nicht mehr die Darstellung von sexuellen Inhalten. Sex ist normal. Kritische Fälle ergeben sich jedoch im Zusammenhang mit verdeckten Ringen von Kinderpornografie. Hier wird – zu Recht – der Schwerpunkt der Strafverfolgung gelegt. „Prominente“ Fälle von Pornografie gab es in letzter Zeit nicht. Das mag auch an den geänderten Wertvorstellungen liegen.

 

Wie definiert das Gesetz Pornografie?

 

Brelle: Als pornografisch ist eine Darstellung anzusehen, wenn sie unter Ausklammerung aller sonstigen menschlichen Bezüge sexuelle Vorgänge in grob aufdringlicher, anreißerischer Weise in den Vordergrund rückt und ihre Gesamttendenz ausschließlich oder überwiegend auf das lüsterne Interesse des Betrachters an sexuellen Dingen abzielt." Pornografie ist die betonte Hervorhebung der Geschlechtsorgane, z. B. durch Vergrößerung oder durch starkes Spreizen der Schenkel. Als Faustregel sollen etwa dienen: bei der Frau die Sichtbarkeit der Schamlippen, beim Mann die Sichtbarkeit des erigierten Penis (Richtwert der Rechtsprechung: etwa ab einem 45-Grad-Winkel).

 

Sind die Sichtbarkeit der primären Geschlechtsorgane und der Erektionsgrad des Penis die Faustregeln mit denen im juristischem Alltag zwischen Pornografie und Nichtpornografie unterschieden wird - oder gibt es noch andere „Pornomerkmale“?

 

Brelle: Die Einstufung eines Werks als Pornografie beurteilt sich nach den von der Rechtsprechung zu § 184 StGB entwickelten Kriterien. Die Kasuistik ist dabei vielfältig: so wurden höchstrichterlich Fälle mit sog. Wunderspiegeln oder Stereokospaufnahmen behandelt. Pornografisch soll auch die Darstellung von Anal- bzw. Oralverkehr sein. Der bloße Sexualakt muss jedoch noch keine Pornografie sein. Der Wandel der allgemeinen sexualethischen Wertvorstellungen sei anhand von Einzelkriterien, wie z.B. die eindeutige Überschreitung der Grenzen des sexualen Anstandes und die Würdigung des Werkes in seinem Gesamtzusammenhang, zu berücksichtigen..

 

In Amerika wird Porno oder Hardcore offenbar anders definiert. Dort ist nicht die Darstellung der primären Geschlechtsorgane entscheidend, sondern ob „Penetration“ sichtbar ist oder nicht. Warum?

 

Brelle: Gute Frage. Schon in den Schriften des antiken Griechenland taucht das Wort auf, das den Darstellungen und Beschreibungen anrüchiger Sexualität bis heute ihren Namen gibt. „Pornographos“ bezeichnete das Schreiben über Prostituierte. Und schon damals provozierte Sexualität das Establishment.

 

Das erste Antipornografiegesetz der USA erließ Präsident Ulysses Grant im Jahre 1873 gegen die neuen, in Massen gedruckten Schundromane. Gleich nach der Erfindung der Filmkamera wurden die ersten Pornofilme gedreht. So genannte Stag Films, fünf- bis zehnminütige Streifen, die meist nicht mehr als den Akt selbst zeigten und nur heimlich in Hinterzimmern gezeigt wurden, tauchten 1896 auf und blieben bis in die späten 60er Jahre neben Sexheften die vorherrschende Form der Pornografie. Darin mag der Grund für die amerikanische Pornografiedefinition liegen. Früher warben Pornokinos mit Texten wie „156te Filmsensation aus Schweden. Damen in Begleitung haben freien Eintritt“. Diese Art von Werbung ist auf ein Werbeverbot für Pornografie zurückzuführen. Was steckt genau dahinter?

 

Brelle: Folgendes gilt seit den Änderungen durch Inkrafttreten des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages (JMStV) zum  01.04.2003: Das Werbeverbot für Pornografie betrifft insbesondere Verbreitung entwicklungsbeeinträchtigender Angebote außerhalb der empfohlenen Sendezeiten, die Verbreitung von Programmankündigungen mit Bewegtbildern außerhalb der geeigneten Sendezeit, das Anbieten entwicklungsbeeinträchtigender oder jugendgefährdender Inhalte, das Betreiben von Webangeboten, ohne einen Jugenschutzbeauftragten bestellt zu haben, sowie die Verbreitung oder das Zugänglichmachen entwicklungsbeeinträchtigender Angebote ohne entsprechende Filtersoftware.

 

Fotos, die den amerikanische Künstler Jeff Koons beim Analsex mit seiner damaligen Frau Ilona Staller (AKA Ciccolina) zeigen, hängen in Museen oder erreichten Verkaufserlöse von $ 300.000,- und mehr - offenbar ohne als Pornografie eingestuft zu werden. Ebenso enthält der Film „Baisse moi“ der Französin Virgine Despentes mehrere explizite Darstellungen von Geschlechtsakten, zum Teil mit anschließender Tötung des Geschlechtspartners. Wie kamen diese Werke an der „Zensur“ vorbei?

 

Brelle: Nach deutschen Recht kann selbst bei Vorliegen sog. „harter Pornografie“ nach der verfassungsrechtlich geschützten Kunstfreiheit noch Kunst vorliegen, die nicht verboten werden darf. Kunstfreiheit und Jugendschutz sind nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts immer abzuwägen.

 

Wenn ein „Werk“ (Film, Buch, Bild) als pornografisch eingestuft wird, was bedeutet das genau für den Vertrieb, bzw. den Weg zum Konsumenten?

 

Brelle: Nach dem Jugendschutzgesetz gilt die sogenannte Kennzeichnungspflicht, z.B. "Nicht freigegeben unter achtzehn Jahren" bei Filmen oder Unterhaltungssoftware. Porno bei Premiere, dem deutschen Pay-TV waren bisher nur „Halberotik“, sprich Koitussimulationsabbildungen ohne primäre Geschlechtsorgane. Dieses Erotikprogramm verkaufte sich offenbar schlecht, so dass Premiere sich nun entschied ein soggenanntes „Vollerotik“-Programm als sog. Mediendienst anzubieten.

 

In Frankreich und den USA gibt es schon lange Hardcore-Pornografie im Pay-TV. Was ist so speziell an den deutschen Gesetzen?

 

Brelle: Die feine Unterscheidung zwischen Tele- und Mediendienst. Grund für die Unterscheidung ist, dass innerhalb von Mediendiensten geeignete Zugangskontrollen durchgeführt werden können. Bei Telediensten (wie z.B. Fernsehen) sind solche jedoch nicht möglich.

 

 Wie könnte eine moderne, liberalere Gesetzgebung für den Umgang mit „Pornografie“ aussehen? Welchen Rahmen sollten Gesetze bilden um die Gesellschaftliche Realität besser abzubilden?

 

Brelle: Eine schwierige Sache. Zum einen ist die Kunst frei. Und Kunst definiert derjenige, der sie macht. Nicht der Betrachter. Zum anderen: Der Staat bzw. die Gesellschaft hat einen Erziehungsauftrag. Nämlich Jugendschutz. Der richtige Weg ist wohl, die goldene Mitte zu finden.

 

 

Das Interview führte Felix Schwenzel

für M Publication Volume 03 Surprise


RA Jens O. Brelle fotografiert von Darius Ramazani.



 
Steckbrief: Jens O. Brelle
 
Zur Person
 
 

Der Medienanwalt (geb. 1968 in Lübeck) betreibt seine eigene Kanzlei in Hamburg. Die Kanzlei wurde im Jahre 2000 in Berlin gegründet, seit 2002 befindet sie sich in der historischen Hamburger Speicherstadt, dem ehemaligen Teil des Freihafens.

 

Ursprünglich wollte Jens O. Brelle Fotodesign studieren. Er entschloss sich jedoch für das Jura-Studium in Passau. Seit einigen Jahren führt er die Kanzlei für Urheber- und Medienrecht, welche kreative und gestalterisch tätige Unternehmer im Bereich des gewerblichen Rechtsschutzes betreut.

Die Kanzlei versteht sich als kleine, aber feine "Anwaltsboutique" mit dem Schwerpunkt in Urheberrecht und Medienrecht und berät schwerpunktmäßig in Bereichen des Copyright und Entertainment Law, im gewerblichen Rechtsschutz, bei Fragen der Rechteklärung bis zur Verfolgung von Rechtsverletzungen bei Design-, Medien- und Kulturprojekten.


ARCHIV: INTERVIEW (09)

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